gliedertaxe zu niedrig

Unfallversicherung zahlt zu wenig Invalidität: Gliedertaxe anfechten

Sie hatten einen schweren Unfall, doch Ihre Unfallversicherung zahlt deutlich weniger als erwartet? Die Berechnung nach der Gliedertaxe erscheint Ihnen zu niedrig? Erfahren Sie, wie Sie gegen eine zu geringe Invaliditätsleistung vorgehen können.

Unfallversicherung zahlt zu wenig Invalidität - Versicherungsrecht VSP Kanzlei
Wenn die Unfallversicherung zu wenig zahlt: So setzen Sie höhere Invaliditätsleistungen durch

Sie haben einen Unfall erlitten und nun feststellen müssen, dass die ausgezahlte Invaliditätsleistung Ihrer Unfallversicherung weit hinter Ihren Erwartungen zurückbleibt? Dies ist leider kein Einzelfall. Viele Versicherte erleben, dass die Versicherung die dauerhaften Beeinträchtigungen nach einem Unfall niedriger einschätzt als medizinisch gerechtfertigt.

Die Berechnung der Invaliditätsleistung erfolgt in der Regel nach der sogenannten Gliedertaxe, die in den Versicherungsbedingungen festgelegt ist. Doch diese Berechnung lässt oft Spielraum für Interpretationen – und genau hier setzen Versicherungen häufig zu niedrig an.

In diesem Artikel erfahren Sie, wie die Gliedertaxe funktioniert, welche Fehler bei der Berechnung häufig auftreten, wie Sie gegen zu niedrige Leistungen vorgehen können und wann anwaltliche Hilfe sinnvoll ist.

Was ist die Gliedertaxe und wie funktioniert sie?

Die Gliedertaxe ist ein festgelegtes Bewertungssystem in den Allgemeinen Unfallversicherungsbedingungen (AUB), das bestimmt, mit welchem Prozentsatz der vereinbarten Versicherungssumme bestimmte Körperteile oder Funktionen bei vollständigem Verlust oder kompletter Funktionsunfähigkeit bewertet werden.

Die Gliedertaxe legt beispielsweise fest:

Gliedertaxe Übersicht Unfallversicherung - Versicherungsrecht VSP Kanzlei
So werden Körperteile nach der Gliedertaxe bewertet

⚖️ Typische Gliedertaxe-Werte

Arm: 70% bei vollständigem Verlust oder kompletter Funktionsunfähigkeit

Bein: 70% bei vollständigem Verlust oder kompletter Funktionsunfähigkeit

Hand: 55% bei vollständigem Verlust oder kompletter Funktionsunfähigkeit

Fuß: 40% bei vollständigem Verlust oder kompletter Funktionsunfähigkeit

Auge: 50% bei vollständigem Verlust der Sehkraft

Gehör (beide Ohren): 60% bei vollständigem Verlust

Daumen: 20% bei vollständigem Verlust oder kompletter Funktionsunfähigkeit

Bei teilweiser Beeinträchtigung wird der Invaliditätsgrad entsprechend anteilig berechnet. Wenn beispielsweise die Funktion eines Arms zu 50% eingeschränkt ist, beträgt der Invaliditätsgrad 35% (50% von 70%).

Bei Beeinträchtigungen, die nicht in der Gliedertaxe aufgeführt sind (z.B. innere Organe, Wirbelsäule, psychische Folgen), erfolgt die Bewertung nach dem Grad der körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit im Allgemeinen.

💡 Praxis-Tipp

Prüfen Sie Ihre Versicherungsbedingungen genau! Manche Versicherungen verwenden abweichende Gliedertaxen mit höheren oder niedrigeren Prozentsätzen. Die hier genannten Werte sind die in der Branche üblichen Standardwerte, können aber in Ihrem Vertrag anders geregelt sein.

Häufige Probleme bei der Invaliditätsberechnung

In der Praxis kommt es bei der Berechnung der Invaliditätsleistung häufig zu Problemen und Streitpunkten zwischen Versicherten und Versicherungen. Die häufigsten Problemfelder sind:

🎯 Typische Probleme bei der Invaliditätsberechnung

Zu niedrige Einschätzung des Funktionsverlusts: Die Versicherung setzt den prozentualen Funktionsverlust eines Körperteils deutlich niedriger an, als es die tatsächliche Beeinträchtigung rechtfertigt.

Nichtberücksichtigung mehrerer Beeinträchtigungen: Wenn mehrere Körperteile betroffen sind, werden diese nicht korrekt addiert oder es wird behauptet, die Beeinträchtigungen würden sich nicht gegenseitig verstärken.

Versicherungsfreundliche Gutachten: Die von der Versicherung beauftragten Gutachter kommen häufig zu niedrigeren Einschätzungen als die behandelnden Ärzte.

Fehlende Berücksichtigung von Komplikationen: Langfristige Folgen, Schmerzen oder psychische Beeinträchtigungen werden nicht oder nur unzureichend berücksichtigt.

Zu frühe Feststellung des Invaliditätsgrades: Die Versicherung drängt auf eine Feststellung, bevor der endgültige Heilungsverlauf absehbar ist.

📋 Beispiel aus der Praxis

Situation: Ein Versicherter erlitt bei einem Arbeitsunfall schwere Verletzungen an der rechten Hand mit Funktionsverlust von drei Fingern. Die behandelnden Ärzte attestierten einen Funktionsverlust der Hand von 70%. Das von der Versicherung beauftragte Gutachten kam jedoch nur zu einem Funktionsverlust von 35%.

Lösung: Durch Einholung eines unabhängigen Gegengutachtens und anwaltliche Verhandlungen konnte erreicht werden, dass die Versicherung den Invaliditätsgrad auf 60% Funktionsverlust der Hand korrigierte. Dies führte zu einer deutlich höheren Auszahlung der Invaliditätsleistung.

Ihre Rechte als Versicherter

Als Versicherter haben Sie verschiedene Rechte, wenn Sie mit der Berechnung der Invaliditätsleistung nicht einverstanden sind. Diese sollten Sie kennen und konsequent nutzen:

✓ Ihre rechtlichen Ansprüche

Recht auf Einsicht in das Gutachten: Sie haben das Recht, das vollständige Gutachten der Versicherung einzusehen und nicht nur eine Zusammenfassung zu erhalten.

Recht auf Begründung: Die Versicherung muss Ihnen nachvollziehbar erklären, wie sie den Invaliditätsgrad berechnet hat.

Recht auf ein Gegengutachten: Sie können ein unabhängiges Gegengutachten in Auftrag geben, um die Einschätzung der Versicherung zu überprüfen.

Recht auf Widerspruch: Sie können der Berechnung der Versicherung widersprechen und eine Neuberechnung fordern.

Recht auf gerichtliche Überprüfung: Wenn eine außergerichtliche Einigung nicht möglich ist, können Sie Ihre Ansprüche vor Gericht durchsetzen.

Wichtig ist, dass Sie diese Rechte aktiv wahrnehmen und sich nicht mit der ersten Einschätzung der Versicherung zufriedengeben, wenn Sie diese für zu niedrig halten. Die Versicherung ist verpflichtet, den Invaliditätsgrad nach objektiven medizinischen Kriterien zu bemessen.

⚠️ Wichtig: Fristen beachten!

Die meisten Unfallversicherungen sehen eine Ausschlussfrist von 15 Monaten nach dem Unfall vor. Innerhalb dieser Frist müssen Sie den Versicherungsfall melden und die Invalidität geltend machen. Nach Ablauf dieser Frist verfallen Ihre Ansprüche in der Regel vollständig – unabhängig davon, wie berechtigt sie sind!

Wie Sie das Gutachten anfechten können

Wenn Sie mit dem Gutachten der Versicherung nicht einverstanden sind, haben Sie verschiedene Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Der erste Schritt ist immer eine genaue Prüfung des Gutachtens.

🗓️ Vorgehen bei der Gutachten-Prüfung

1
Vollständiges Gutachten anfordern

Fordern Sie das komplette Gutachten an, nicht nur eine Zusammenfassung. Lassen Sie sich alle Unterlagen aushändigen, auf denen die Berechnung basiert.

2
Fachliche Prüfung durch Ihren Arzt

Lassen Sie das Gutachten von Ihrem behandelnden Arzt oder Facharzt prüfen. Dieser kennt Ihren Zustand am besten und kann einschätzen, ob die Bewertung zutreffend ist.

3
Formale Fehler identifizieren

Prüfen Sie, ob das Gutachten methodische oder formale Mängel aufweist, etwa fehlende Untersuchungen, unvollständige Dokumentation oder widersprüchliche Aussagen.

4
Gegengutachten beauftragen

Beauftragen Sie einen unabhängigen Gutachter, um eine objektive zweite Meinung einzuholen. Die Kosten dafür tragen zunächst Sie, können aber später von der Versicherung erstattet werden.

5
Anwaltliche Bewertung einholen

Lassen Sie das Gutachten und Ihr Gegengutachten von einem auf Versicherungsrecht spezialisierten Anwalt prüfen, der die Erfolgsaussichten realistisch einschätzen kann.

Wichtig ist, dass Sie nicht vorschnell ein Angebot der Versicherung akzeptieren. Viele Versicherer bieten zunächst niedrige Summen an und hoffen darauf, dass Versicherte aus Unwissenheit oder finanzieller Not zustimmen. Ein Gegengutachten kann hier Klarheit schaffen und Ihre Verhandlungsposition erheblich stärken.

💡 Praxis-Tipp

Dokumentieren Sie alle Beeinträchtigungen im Alltag genau! Führen Sie ein Schmerztagebuch, fotografieren Sie sichtbare Einschränkungen und lassen Sie sich von Angehörigen oder Arbeitskollegen bestätigen, welche Tätigkeiten Sie nicht mehr oder nur noch eingeschränkt ausführen können. Diese Dokumentation kann bei der Durchsetzung höherer Leistungen entscheidend sein.

Progressive Invaliditätsleistung richtig nutzen

Viele Unfallversicherungen bieten eine sogenannte progressive Invaliditätsleistung an. Diese sorgt dafür, dass bei höheren Invaliditätsgraden überproportional mehr ausgezahlt wird. Doch gerade hier kommt es häufig zu Streitigkeiten.

⚖️ So funktioniert die Progressive

Bei einer progressiven Staffelung wird die Versicherungssumme bei steigendem Invaliditätsgrad überproportional erhöht. Typische Beispiele:

25% Invalidität: 25% der Versicherungssumme

50% Invalidität: 100% der Versicherungssumme (bei 225% Progression)

75% Invalidität: 262,5% der Versicherungssumme (bei 350% Progression)

100% Invalidität: 350% der Versicherungssumme (bei 350% Progression)

Die Progressive wirkt sich besonders stark aus, wenn der Invaliditätsgrad knapp über bestimmten Schwellenwerten liegt. Deshalb ist es für Versicherungen besonders attraktiv, den Invaliditätsgrad knapp unter solche Schwellenwerte zu drücken.

📋 Beispiel aus der Praxis

Situation: Ein Versicherter mit einer Grundsumme von 100.000 Euro und 350% Progression erlitt schwere Rückenverletzungen. Die Versicherung setzte den Invaliditätsgrad auf 48% fest, was zu einer Auszahlung von 92.000 Euro führen würde. Der behandelnde Arzt attestierte jedoch 52% Invalidität.

Auswirkung: Der Unterschied von nur 4 Prozentpunkten bedeutete aufgrund der progressiven Staffelung einen Unterschied von 18.000 Euro (bei 52% wären 110.000 Euro fällig gewesen). Durch anwaltliche Durchsetzung konnte der höhere Invaliditätsgrad erreicht werden.

Gerade bei progressiven Tarifen lohnt sich die genaue Prüfung und Anfechtung zu niedriger Einschätzungen besonders, da bereits kleine Prozentunterschiede erhebliche finanzielle Auswirkungen haben können.

Außergerichtliche Durchsetzung Ihrer Ansprüche

In den meisten Fällen ist es möglich, eine höhere Invaliditätsleistung außergerichtlich zu erreichen. Der Weg über ein Gerichtsverfahren sollte immer die letzte Option sein, da er zeit- und kostenintensiv ist.

Für eine erfolgreiche außergerichtliche Durchsetzung sind folgende Schritte empfehlenswert:

✓ Schritte zur außergerichtlichen Durchsetzung

Schriftlicher Widerspruch: Widersprechen Sie der Berechnung der Versicherung schriftlich und begründen Sie, warum Sie diese für zu niedrig halten.

Medizinische Unterlagen vorlegen: Reichen Sie ärztliche Stellungnahmen, Befundberichte und ggf. ein Gegengutachten ein.

Anwaltliches Schreiben: Ein qualifiziertes Anwaltsschreiben zeigt der Versicherung, dass Sie Ihre Rechte kennen und bereit sind, diese durchzusetzen.

Verhandlungen führen: In vielen Fällen ist die Versicherung zu Kompromissen bereit, wenn die medizinische Einschätzung fundiert ist.

Frist zur Stellungnahme setzen: Setzen Sie der Versicherung eine angemessene Frist (z.B. 14 Tage) zur Stellungnahme und kündigen Sie bei Ablauf rechtliche Schritte an.

Erfahrungsgemäß zeigen sich Versicherungen verhandlungsbereit, wenn Sie merken, dass der Versicherte professionell beraten ist und über fundierte medizinische Unterlagen verfügt. Die Aussicht auf einen langwierigen Rechtsstreit mit ungewissem Ausgang motiviert viele Versicherer zu Kompromissen.

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Wenn der Rechtsweg notwendig wird

Wenn eine außergerichtliche Einigung scheitert, bleibt nur der gerichtliche Weg. Dies sollte jedoch gut überlegt sein, da ein Gerichtsverfahren mit Kosten und Zeit verbunden ist.

Ein gerichtliches Verfahren ist besonders dann sinnvoll, wenn:

  • Die Versicherung trotz eindeutiger medizinischer Befunde eine zu niedrige Leistung zahlt
  • Der Streitwert aufgrund einer progressiven Staffelung besonders hoch ist
  • Ein qualifiziertes Gegengutachten deutlich höhere Invaliditätsgrade attestiert
  • Die Versicherung sich komplett verweigert oder nicht auf Argumente eingeht

⚖️ Ablauf eines gerichtlichen Verfahrens

In einem Gerichtsverfahren wird in der Regel ein gerichtliches Sachverständigengutachten eingeholt. Dieses ist für beide Parteien bindend und wird von einem vom Gericht bestellten unabhängigen Gutachter erstellt. Die Kosten für das Gutachten trägt zunächst die unterlegene Partei. Wenn das Gericht zu Ihren Gunsten entscheidet, muss die Versicherung auch die Verfahrenskosten und Ihre Anwaltskosten übernehmen.

Ein wichtiger Aspekt ist die Rechtsschutzversicherung: Viele Rechtsschutzversicherungen übernehmen die Kosten für Streitigkeiten mit der Unfallversicherung. Prüfen Sie daher unbedingt, ob Sie über eine entsprechende Deckung verfügen.

💡 Praxis-Tipp

Bevor Sie ein Gerichtsverfahren beginnen, sollten Sie eine realistische Erfolgseinschätzung einholen. Ein spezialisierter Anwalt kann Ihnen sagen, wie Gerichte in vergleichbaren Fällen entschieden haben und welche Erfolgsaussichten Ihr Fall hat. Dies hilft Ihnen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen

Wenn Ihre Unfallversicherung eine zu niedrige Invaliditätsleistung zahlt, sollten Sie nicht vorschnell akzeptieren. Die Berechnung nach der Gliedertaxe bietet oft Spielraum für Interpretationen, und viele Versicherungen setzen bewusst zu niedrig an.

Die wichtigsten Punkte im Überblick:

Prüfen Sie das Gutachten genau: Fordern Sie das vollständige Gutachten an und lassen Sie es von Ihrem Arzt und einem Anwalt prüfen.

Beachten Sie die 15-Monats-Frist: Ihre Ansprüche verfallen in der Regel 15 Monate nach dem Unfall, wenn Sie diese nicht rechtzeitig geltend machen.

Holen Sie ein Gegengutachten ein: Ein unabhängiges Gegengutachten kann Ihre Verhandlungsposition erheblich stärken.

Dokumentieren Sie Ihre Beeinträchtigungen: Führen Sie genau Buch über alle Einschränkungen im Alltag und bei der Arbeit.

Ziehen Sie anwaltliche Hilfe hinzu: Ein spezialisierter Anwalt kennt die Taktiken der Versicherungen und kann Ihre Erfolgsaussichten realistisch einschätzen.

Versuchen Sie zunächst eine außergerichtliche Einigung: In vielen Fällen lässt sich durch Verhandlungen eine höhere Leistung erreichen.

Bei progressiven Tarifen besonders kritisch prüfen: Bereits kleine Unterschiede im Invaliditätsgrad können große finanzielle Auswirkungen haben.

⚠️ Handeln Sie jetzt!

Beachten Sie die 15-Monats-Frist! Nach Ablauf dieser Frist seit dem Unfall verfallen Ihre Ansprüche in der Regel vollständig. Warten Sie nicht zu lange mit der Prüfung und Durchsetzung Ihrer Rechte. Auch wenn die Versicherung bereits eine Leistung ausgezahlt hat, können Sie innerhalb der Frist noch gegen eine zu niedrige Berechnung vorgehen.

⚖️ Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Rechtsberatung. Jeder Fall ist unterschiedlich und erfordert eine genaue Prüfung der Umstände, der Versicherungsbedingungen und der medizinischen Unterlagen. Kontaktieren Sie uns für eine kostenlose Erstberatung zu Ihrem konkreten Fall.

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